17. September 2000:
Frage an die Kandidatin und die Kandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien
Sehr geehrte Frau Volquartz,
sehr geehrter Herr Bartels,
sehr geehrter Herr Kubicki,
sehr geehrter Herr Seeliger,
sehr geehrter Herr Voigt,
Seit einigen Semestern ist durch massive Sparmassnahmen an der Christian
Albrechts-Universität zu Kiel ein Magister-Hauptfachstudiengang der
Soziologie nicht mehr möglich - dem Institut droht die Schließung!
Schleswig-Holstein stünde ohne eigene sozialwissenschaftliche Forschung
und Lehre. Ausgebildete Soziologinnen und Soziologen leisten jedoch
einen wichtigen Beitrag zur Gestaltung der sozialen, kulturellen,
politischen und ökonomischen Landschaft. Sie sind für die
gesellschaftliche Funktionalität und Analyse von elementarer Bedeutung.
Die katastrophalen Ereignisse des letzten Jahres, sowohl der 11.
September, als auch die gerade überstandene Flutkatastrophe haben die
Bedeutung sozialwissenschaftlicher Katastrophenforschung besonders
deutlich gemacht. Dieser Forschungszweig bildet das konzeptionelle
Fundament zum Aufbau präventiver Maßnahmen und eines effektiven
Zivilschutzes. Unter den gegenwärtigen Umständen zwei wissenschaftliche
Institute sterben zu lassen halten wir für ebenso unsinnig wie
fahrlässig.
Welche Position beziehen Sie zu diesen Entwicklungen, möchten und werden
Sie sich für einen Erhalt des Instituts für Soziologie und eine
Wiederaufnahme des Hauptfachstudiengangs einsetzten und wenn ja, dann
wie?
Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns Ihren Standpunkt sowie daraus
resultierende Handlungsnotwendigkeiten und -möglichkeiten mitteilen
würden.
Mit freundlichen Grüßen,
Initiative zur Erhaltung der Soziologie in Schleswig-Holstein
Jens Gehrmann
Ralf Spickermann
Bert Stach
Mehr über die Arbeit der IESSH erfahren Sie unter http://www.IESSH.de
Antwort: Wolfgang Kubicki, FDP, MdL
Sehr geehrter Herr Gehrmann,
sehr geehrter Herr Spickermann,
sehr geehrter Herr Stach,
verbunden mit den herzlichen Grüßen des Fraktionsvorsitzenden der
FDP-Landtagsfraktion, Wolfgang Kubicki, übersende ich Ihnen seine Antwort
auf Ihre Fragen wie folgt:
Die FDP-Landtagsfraktion beobachtet die Haltung der Landesregierung,
einerseits von den Hochschulen immer mehr Leistungen abzufordern und
andererseits allenfalls die Hälfte der jährlichen Tarifsteigerungen
auszugleichen, mit großer Sorge.
Darüber hinaus kann es nicht sein, daß angesichts der unterfinanzierten
Hochschuletats von Seiten des Landes gefordert wird, ohne Planungssicherheit
von Jahr zu Jahr neue Notoperationen durchzuführen. Dies schadet den
Hochschulstandort Schleswig-Holstein und führt letztlich dazu, daß
Studiengänge - wie der ihrige - nicht mehr aufrecht erhalten werden können.
Das Land betreibt eine finanzielle Auszehrung, die nach den Plänen der
Landesregierung bis mindestens 2005 fortdauern soll.
Die FDP-Landtagsfraktion stellt jährlich in der Haushaltsdebatte
entsprechende Anträge, um diesem schleichenden Prozeß entgegen zu wirken.
Wichtige Handlungsnotwendigkeiten sind nach Ansicht der FDP: mehr
Entscheidungsfreiheiten für die Hochschulen, mehr Hochschulautonomie und
mehr finanzielle Mittel, um einen Hochschulbetrieb, der in Wissenschaft und
Forschung international konkurrenzfähig ist, zu erhalten und weiter
aufzubauen.
Die FDP-Landtagsfraktion wird sich für den Erhalt von bestehenden
Studiengängen einsetzen und im Rahmen ihrer politischen Arbeit sich gegen
den Trend stellen, daß durch eine schleichende Auszehrung dem
Wissenschaftsstandort Schleswig-Holstein geschadet wird.
Mit freundlichen Grüßen
i. A.
Völk
Antwort: Arne Seeliger, PDS
Vielen Dank für Ihr Interesse an den Positionen der PDS zur Situation an der
CAU.
In der Tat ist es ja nicht erst seit kurzem so, dass in Kiel gerade die
geisteswissenschaftlichen Fächer zu Gunsten der anderen Fakultäten
finanziell benachteiligt und ausgedünnt werden. Das gilt leider auch für die
Soziologie, auch wenn sie nicht ganz zur Phil.-Fak. zu zählen ist. Kritische
Wissenschaft ist immer weniger gewünscht, konkret "kapitalverwertbare"
Bildung und Ausbildung hat leider die oberste Priorität.
Meiner Meinung nach ist kritische Wissenschaft existenziell wichtig für die
Entwicklung einer Gesellschaft. Eine gleichgeschaltete Gesellschaft, in der
Widersprüche gedeckelt werden, hat keine Entwicklungsperspektive. Dies ist
in meinen Augen auch ein wichtiger Grund für das Scheitern der DDR.
Deshalb trete ich uneingeschränkt für den Erhalt und Ausbau kritischer
Wissenschaften ein. Dies auch unabhängig von der in Kiel betriebenen
Katastrophenforschung am soziologischen Institut, die natürlich wichtig ist.
Also: Ich setzte mich ohne Wenn und Aber für den Erhalt des Instituts für
Soziologie ein. Dies gilt auch für die Wiederaufnahme des
Hauptfachstudienganges. Ohne Hauptfachstudiengang ist die Soziologie in Kiel
meiner Meinung nach auf Dauer nicht überlebensfähig.
Die Frage nach dem "wie?" ist schwerer zu beantworten, da die anderen
beteiligten Institutionen und politischen Parteien, Regierungen etc. wohl
ein wenig mehr Entscheidungsmacht besitzen als die PDS.
Allein mit parlamentarischen Instrumentarien können wir als
Oppositionspartei wenig bewegen, zumal wir nicht im Landtag sitzen. Auch ist
unserer Einfluss auf die EntscheidungsträgerInnen innerhalb der CAU doch
sehr bescheiden. Letztlich geht es darum, ein gesellschaftliches Klima zu
schaffen, welches Bildung und Forschung als Wert an sich betrachtet, anstatt
immer auf betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Relationen zu schielen.
Dafür werben wir beispielsweise bei den unzähligen Veranstaltungen und
Podiumsdiskussionen im Rahmen des laufenden Wahlkampfes.
Wichtig ist natürlich auch eine andere finanzielle Ausstattung der
Bildungsinstitutionen, allein mir fehlt der Glaube, dass sich dort schnell
etwas ändern wird. Die verfehlte Steuerpolitik der jetzigen Bundesregierung
hat dazu geführt, dass der Bundeshaushalt völlig an die Wand gefahren worden
ist und zudem die Länder und Kommunen stark belastet worden sind. Die
steuerpolitischen Vorstellungen von CDU und FDP lassen nun auch nicht gerade
den Verdacht aufkommen, dass sich auf der Einnahmeseite des Staatshaushaltes
irgend etwas positiv verändern wird. Deshalb befürchte ich, dass sich an der
CAU trotz erschreckender Unterkapazität nicht viel zum Positiven hin
verändern wird. Wer den Staat arm macht, kann auch nicht viel Geld in die
Bildung stecken.
Trotz dieses pessimistischen Ausblickes ist es meines Erachtens am
wichtigsten, dass sich Widerspruch bei den Betroffenen selbst regt. Der
Zugang der IESSH zu den Mächtigen im Land und an der CAU ist dabei nicht zu
unterschätzen. Der Brief der IESSH an die DirektkandidatInnen zeigt ja auch, dass
dieses Mittel eingesetzt wird. Es würde mich freuen, wenn die IESSH Interesse hätte,
sich einmal mit mir oder mit der Kieler PDS zusammen zu setzen. Obwohl wir
doch recht wenige Ressourcen haben, können wir die IESSH doch vielleicht an der
einen oder anderen Stelle unterstützen.
Mit freundlichen Grüßen
Arne Seeliger
Antwort: Angelika Volquartz, CDU, MdB
Sehr geehrter Herr Stach,
sehr geehrter Herr Spickermann,
sehr geehrter Herr Gehrmann,
vielen Dank für Ihre Mail, in der Sie um eine Stellungnahmen zur Zukunft
der Soziologie an der CAU bitten.
Ebenso wie die CDU-Landtagsfraktion habe ich mich in der Vergangenheit
für den Erhalt des soziologischen Instituts stark gemacht. An dieser
Haltung hat sich auch nichts geändert.
Momentan stehen die Ergebnisse der sogenannten Erichsen-Kommission aus,
die sich mit der zukünftigen Hochschulstruktur beschäftigt. Sobald
konkrete Vorschläge auf dem Tisch liegen werden CDU Schleswig-Holstein
und CDU-Landtagsfraktion Position beziehen. Vorab wäre das eine
Diskussion ohne konkrete Grundlagen.
Mit freundlichen Grüßen
Angelika Volquartz
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