Initiative zur Erhaltung der Soziologie in Schleswig-Holstein

 

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Offener Brief
an den Vorsitzenden des
Ausschusses für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Sport
Dr. Ulf von Hielmcrone

Kiel, den 09. Oktober 2000

Sehr geehrter Herr Dr. von Hielmcrone,

die Initiative zur Erhaltung der Soziologie in Schleswig-Holstein wurde von Absolventinnen und Absolventen des Instituts für Soziologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel mit dem Ziel gegründet, die Schliessung eben jenes Instituts zu verhindern, die gleichzeitig ein vollständiges Verschwinden soziologischer Forschung und Lehre im gesamten Bundesland zur Folge hätte. Im Rahmen des inneruniversitären Reformprozesses, der mit den Senatsbeschlüssen vom 29. September d. J. als abgeschlossen angesehen werden kann, ist dieses Ziel nicht mehr zu erreichen, stellt doch die Schliessung des Instituts einen Bestandteil des Reformvorschlags dar.
Aus diesem Grund wenden wir uns mit unserem Anliegen an Sie in Ihrer Funktion als Vorsitzender des Ausschusses für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Sport (Bildungsausschuss). Sie möchten dieses Schreiben als einen Appell verstehen, die Umsetzung dieser funktional wie inhaltlich unsinnigen Beschlüsse im Rahmen Ihrer Möglichkeiten zu verhindern. Gestatten Sie uns, letzteres in einigen kurzen Worten zu begründen:
Funktional können die geplanten Reformvorhaben als unsinnig bezeichnet werden, da der Schrumpfungsprozess allein keineswegs mit einer zukunftsweisenden Reform gleich zu setzen ist. Eher im Gegenteil dazu wird dieser Schritt bei den übrigen Instituten innovationsverhindernd und bestandssichernd wirken, d.h. es ändert sich lediglich der Massstab, nicht aber die Qualität der eigentlichen Problematik. Zweitens stellt die Zusammenlegung der Institute für Politologie und Soziologie nicht nur eine Reprimitivierung gewachsener wissenschaftlicher Strukturen dar, auch ihr Wert hinsichtlich einer Einsparung kann angezweifelt werden. Darüber hinaus würde dieses sozialwissenschaftliche Instituts nach den eigenen Kriterien der Universität "unterkritisch" ausgestattet sein, eine Einschätzung, die im Falle der jetzt bestehenden Institute zu deren Schliessung führen soll. Dies ist nicht nur im Sinne einer Argumentationslogik, sondern auch aus ökonomischen Gründen absurd, weil der Aufbau eines neuen Instituts, das "unterkritisch" ausgestattet ist, eine reine Verschwendung von Mitteln darstellt. Möchte man diesen Schritt gehen, dann sollte dies im Sinne der Einsparung auch konsequent erfolgen.
Die inhaltliche Bedeutung der Soziologie sollte von unserer Seite aus nicht verdeutlicht werden müssen. Dies ist Ihnen als Politiker ebenso bewusst wie uns, die wir in so verschiedenen Bereichen wie selbständiger Tätigkeit, dem Gesundheitswesen und in der Industrie tätig sind. Allein der enorme soziale und technische Wandel, den wir derzeit mit erleben und der einer aufmerksamen Beobachtung und Analyse bedarf, sollte Grund genug sein. Sowohl die zunehmende Alterung der Gesellschaft, der Wandel des Beschäftigungsmarktes und der Erwerbsbiographien und auch destruktive soziale Phänomene (Rechtsradikalismus, Fremdenfeindlichkeit, Vandalismus etc.) können in diesem Zusammenhang als Beispiele aufgeführt werden. Der Beschluss des Senats, in dieser Zeit genau jene wissenschaftliche Disziplin abschaffen zu wollen, die sich mit derartigen Entwicklungen auseinander setzt, zeugt nicht gerade von Weitsicht, sondern muss leider eher in die Kategorie der Borniertheit oder der Dummheit eingeordnet werden.
Wir hoffen, mit diesen Ausführungen Ihre Aufmerksamkeit erregt und Sie im Sinne unseres Anliegens überzeugt zu haben. Die Abschaffung des Instituts für Soziologie an der C.A.U. wäre ein gravierender Fehler, der nur schwer zu beseitigen wäre. Dieser Meinung haben sich durch Unterzeichnung des Appells zur Erhaltung des Magister-Hauptfachstudiengangs Soziologie schon zahlreiche Menschen angeschlossen (Liste der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner im Anhang). Zur weiteren Informationen laden wir Sie herzlich ein, unser Angebot unter der Webpage www.iessh.de wahr zu nehmen. An wirksamen und zukunftsfähigen Reformvorschlägen, die von unserer Seite aus bereits erarbeitet wurden, beteiligen wir uns jeder Zeit gerne.
Für Ihre Aufmerksamkeit bedanken wir uns herzlich und hoffen, dass die Soziologie im Land des Ferdinand Tönnies auch weiterhin eine Zukunft hat.

Mit freundlichen Grüßen

Jens Gehrmann
Anouchka Jann
Ralf Spickermann
Bert M. Stach

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