Kommentare
Prof. Dr. Josef Gunz, Linz:
“Als gegenwärtiger Präsident der Österreichischen Soziologischen Gesellschaft bin ich besonders interessiert an der Aufrechterhaltung
der wisssenschaftlichen Kontakte mit dem Institut für Soziologie an der Christian-Albrechts-Univ. zu Kiel. Die Wegrationalisierung
gesellschaftswissenschatlich relevanter Studiengänge im deutschen Sprachraum ist kurzsichtig und muss auf Ablehnung stossen. KollegInnen
aus dem englischen Sprachraum bspw. stehen solchen Entwicklungen mit völligem Unverständnis gegenüber. Auch in Österreich ist der Geist
des Neoliberalismus im Vormarsch mit noch unabsehbaren Konsequenzen. Die Entwicklungen in Deutschland liefern naturgemäss Argumente für
Massnahmen in Österreich, die für die Soziologie unerfreulich und im Sinne der Protestresolution grundsätzlich abzulehnen sind.”
Prof. Dr. Hans-Jürgen Krysmanski, Münster:
“Die Soziologie an der Universität Kiel gehört zu den Lichtblicken in unserem Land. Ich weiss, dass sie auch international Beachtung
findet. Vor allem sind dort aber die Grundlagen für ein langfristiges Theorie- und Forschungsprogramm gelegt, das, wenn es Früchte tragen
soll, unbedingt weitergeführt werden muss.”
Prof. Dr. Clarita Müller-Plantenberg, Kassel:
“Schließung von Soziologie-Einrichtungen kennzeichnete die Diktatoren Lateinamerikas, die keine kritische Auseinandersetzung mit den
gesellschaftlichen Zuständen zulassen wollten, die Parallele kann nicht gewollt sein, auch nicht eine einseitig technikfreundliche Uni-Politik,
die an der Tatsache vorbeisieht, daß auch der anstehende ökologische Umbau unserer Industriegesellschaft dringend der Kooperation von Sozial-
und Technikwissenschaften bedarf.”
Tobias Korta, Freiburg:
“Trotz verschiedener interdisziplinärer Versuche der Analayse moderner gesamtgesellschaftlicher Probleme, ist einzig die Soziologie
genuin, d.h. in ihrem strukturellen Ansatz diejenige Transdisziplin, die erfolgreich die verschiedenen Aspekte sozialer, ökonomischer,
politischer, technischer, kommunikativer, milieubedingter und psychologischer Art zusammenzuführen weiß. Je komplexer unsere moderne
Wirklichkeit wird, desto unumgänglicher ist der transdisziplinäre Analyse-Ansatz, den die Soziologie bietet. Im Interesse der Landesforschung
in und für Schleswig-Holstein sollte ein vertieftes Hauptfachstudium der Soziologie in Kiel erhalten bleiben.”
Prof. Dr. Georg Elwert, Berlin:
Schreiben an die Ministerin für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein
“Universitäten lieben Kompromisse auf Kosten Entschwindender. Das ist Ihnen vermutlich nichts Neues. Manche dieser Kompromisse sind
allerdings schmerzlich für das Profil einer Universität. Dies betrifft insbesondere die Pläne der Universität Kiel zur Beendigung
des Studiengangs Soziologie. Dass die deutsche empirisch ausgerichtete Soziologie in den letzten Jahrzehnten bemerkenswerte Erfolge erreicht
hat und von dieser soliden Basis aus gerade zur Theoriebildung Wichtiges beigetragen hat, haben Ihnen gewiss schon andere erzählt. Dabei ist
wohl zu Recht auch auf die mit geringen Mitteln erzielten bedeutenden Arbeiten aus Kiel - insbesondere um und von Lars Clausen - hingewiesen
worden.
Ich möchte Sie hier auf einen anderen Aspekt hinweisen: Es ist nicht so einfach, Hochschullehrer zu Spitzenleistungen zu motivieren.
Weitaus einfacher ist es, sie zu demotivieren. Wenn nach dem erfolgreichen Aufbau von Forschungskapazitäten, nach der Publikation von für
das Fach folgenreichen theoretischen und empirischen Arbeiten und nicht zuletzt nach Erfolgen in der Lehre ein Institut nach Emeritierung oder
Pensionierung des betreffenden Hochschullehrers geschlossen wird, muss dies als ein dis-incentive wirken. Nicht nur durch die Bezahlung oder
die Verleihung von Orden sind Hochschullehrer zu motivieren, sondern auch dadurch, dass sie etwas aufbauen und anderen hinterlassen können.
Dies wurde bisher auch von den Universitäten und Ministerien so gesehen. Wenn gerade dieses letzte incentiveausfällt, hat das verheerende
Auswirkungen auch auf andere Hochschullehrer. Als einer der jüngsten Hochschullehrer meines Fachbereichs spreche ich nicht pro domo. Dennoch
glaube ich zu wissen, wie es hier auf meine älteren Kollegen wirken würde, wenn sie davon ausgehen müssten, dass von ihnen aufgebaute
Arbeitsbereiche (mit nicht geringem Ansehen bei den Drittmittelgebern) nach ihrem Weggang einfach geschlossen würden.
Ich weiß, dass es politisch sehr heikel ist, wenn ein Ministerium, welches auf Sparmaßnahmen drängen muss, der betreffenden Universität
vorhalten muss, dass eine bestimmte Sparmaßnahme erheblich mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Man würde Sie vermutlich nach einer solchen
Vorhaltung um weitere Mittelzuweisungen bitten. Sie könnten alternativ mit einer Evaluierung der von Kürzungen verschonten Bereiche drohen.
Ich hoffe sehr, dass Sie zu einem mutigen Schritt finden und dass die Soziologie in Kiel wieder zu einem Referenzpunkt im deutschen
Sprachraum wird.”
Jennifer Bunge, Lübeck:
“Ich habe mich nach Jahren für einen Beruf entschieden, und diese Träume sind jetzt geplatzt.Umsonst habe ich mich auf ein Soziologiestudium
in Kiel gefreut!”